Jeremia - ich bin doch viel zu jung

Liebe Gemeinde,

 

Wir alle haben einen Namen. Und Namen haben meist eine Bedeutung. In biblischen Zeiten hat der Name immer eine besondere Bedeutung - so auch bei Jirmijahu – dem hebräischen Namen des ins Deutsche mit Jeremia übersetzten Propheten.

Wer war dieser Jirmijahu? Er war der, den Gott (hebräisch -jah) erhöht - Jirmijahu.

Auf welche Weise aber Gott den Jeremia erhöht hat ist schon als tragisch zu bezeichnen. Davon werden wir heute hören.

 

Jeremia wird etwa um das Jahr 647 v. Chr. im Königreich Juda in Anatot geboren, einem kleinen Städtchen 7km nördlich von Jerusalem.

Als junger Mann etwa 20 Jahre alt, erfährt er 627 seine Berufung zum Propheten.

Sein Wirken fällt in eine politisch äußerst bewegte Zeit. Das assyrische Großreich geht unter. Im Kampf zwischen Ägypten und Babylon werden die Babylonier schließlich zur führenden Großmacht.

 

Das Königreich Juda wird in den Strudel dieser Ereignisse hineingerissen. Die (von Jeremia erbittert bekämpfte) antibabylonische Politik Jerusalems führt zur Belagerung und Eroberung der Stadt durch König Nebukadnezzar im Jahr 597.

Die Oberschicht Jerusalems wird nach Babylon weggeführt. Jeremia bleibt in der Stadt. Doch immer noch träumt man in Jerusalem von nationaler Selbständigkeit, verbündet sich mit den Ägyptern gegen Babylon, was zur endgültigen Zerstörung Jerusalems 587 führt.

Nach der Ermordung des von den Babyloniern eingesetzten Statthalters Gedalja, wird Jeremia von einer Gruppe von Landsleuten zusammen mit seinem Weggefährten und Schreiber Baruch nach Ägypten verschleppt. Dort verliert sich seine Spur.

 

Jeremia lebte in einer bewegten Zeit zwischen Hoffnung und Untergang, zwischen Anpassung und Protest, zwischen Wegsehen und Hinsehen.

Nicht unähnlich unserer Zeit heute.

 

Jeremia stammt aus einem alten Priestergeschlecht. Das bedeutet, dass seine Familie im Tempel von Jerusalem bewandert war. Die Priester waren ja eng mit dem Tempelkult verbunden, hatten dort immer wieder Dienst zu tun. Der Stolz der Familie brachte es mit sich, Priesternachwuchs aus der eigenen Familie zu rekrutieren.

Wohl von Kindheit an wurde Jeremia auf ein Amt in der Nachfolge seines Vaters als Priester hin erzogen.

So kannte er die Erwartung, die man an einen zukünftigen Priester hatte. Ein Leben im Dienst Gottes, im Auskennen der Heiligen Schrift und Kenntnis der ordentlichen Zeremonie des Tempelkults.

Wer aber so früh geformt wird muss andererseits auf eine normale Kindheit verzichten lernen. Von Kindesbeinen an ist Jeremia vereinnahmt worden auf ein späteres Ziel hin, musste er sich also den Wünschen des Vaters unterordnen. „Junge, du musst Priester werden – das ist doch klar.“

Konnte er sich überhaupt dieser Pflicht widersetzen? Ich denke nicht. So verlief seine Kindheit vorprogrammiert, die eben eigentlich keine Kindheit war.

Mit etwa 20 Jahren erfuhr der so herangezogene Jeremia seine überraschende Berufung. Nicht Priester sollte er werden, sondern Prophet!

Dass er davor erschrak, das haben wir in der Schriftlesung schon gehört. Seine Berufungsgeschichte ist wohl erst im Rückblick auf das Wirken des Propheten aufgeschrieben worden und macht nun im Rahmen des Buches gleich zu Anfang sowohl den Auftrag als auch das Geschick Jeremias deutlich.

Und auch wenn man heute mit 20 erwachsen ist können wir uns vorstellen, dass es Aufgaben gibt, denen wir uns auch als 20, 30 oder gar 40jährige noch nicht gewachsen sehen. Eine so große Aufgabe, Bote und Künder des Willens Gottes zu sein war doch auch eher den Alten und Weisen vorbehalten, nicht jedoch einem jungen Mann wie Jeremia es war.

Er zaudert und zögert zurecht. Und spürt wohl auch schon die ganze Tragweite seiner Berufung: dass Gott ihn nicht mehr loslässt.

Von Gott ergriffen hat Jeremia Furcht davor.

Ähnlich überrascht und erschrocken ist Davids Vater Isai, als sein jüngster Sohn durch Samuel zum künftigen König bestimmt wird.

Oder auch der Prophet Jona, der sich erschrocken über den Auftrag Gottes gleich aus dem Staub macht und erst über Schiff und Fisch zurück zu seiner Berufung findet.

Gott aber weist Jeremias Ängstlichkeit nicht nur zurück, sondern gibt ihm die Zusage seiner Nähe: „Ich bin mit dir“.

Mehr noch: Gott berührt seine Lippen. Diese Geste macht spürbar fühlbar deutlich: Der Prophet führt Gottes Wort im Mund.

Gottes Wort auf seiner Zunge. Die Ausrede: „ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung“ gilt somit nicht mehr. Gott gibt ihm seine Autorität und Kompetenz.

Doch kündigen die weiteren Worte Gottes indirekt schon an, dass Jeremia in der Erfüllung seines Auftrages Anfeindungen wird erleiden müssen.

Prophetie ist Gegenrede.

Der Prophet hat nicht die Meinung der Menschen nachzuplappern, sondern Gottes Wort zu sagen - ob es den Leuten nun passt oder nicht.

 

Und von dieser Stunde seiner Berufung an bestimmt der Ruf Gottes die gesamte Existenz des Propheten in seiner ganzen Radikalität.

Dabei begegnet uns im Berufungsbericht und in den „Klageliedern Jeremias“ ein zunächst eher schüchterner, äußerst sensibler Mann. Jeremia ist nicht nur sensibel für persönliche Verletzungen, sondern auch für die politisch heikle Geschichte seiner Zeit.

Dass Jeremia politisch weit voraus denken konnte wird gleich zu Anfang des Buches deutlich (Jer 1,13-16) in dem eben gehörten Bild vom dampfenden Kessel:

Jeremia schaut einen dampfenden Kessel, dessen kochendes Wasser von Norden her nach Süden hin überzulaufen droht. Ahnungsvoll sieht Jeremia Unheil vom Norden her einbrechen:

Aus dem Norden waren die Assyrer gekommen, aus dem Norden wird König Nebukadnezzar von Babel her anrücken, wird Zerstörung und Leid über Jerusalem und das Land bringen.

Jeremia sieht diese langfristigen Gefährdungen mit großer Hellsichtigkeit voraus. Und er mischt sich zunehmend ein, warnt vor falschen politischen Entscheidungen.

Er ist mutig, wird immer mutiger und verzweifelter zugleich.

Denn man regt sich über ihn auf oder im besten Falle lacht man über ihn: Dieser Miesmacher! Dieser Zukunftspessimist. Die Jerusalemer Bürger wollen sich nicht stören lassen in der Ruhe ihrer überkommenen Denkmuster.

Voller Wut registriert Jeremia die sozialen Sünden seiner Zeit. Sein Urteil über seine Zeitgenossen fällt geradezu verheerend aus:

„Zieht durch Jerusalems Straßen, schaut genau hin, und forscht nach, sucht auf seinen Plätzen, ob ihr einen findet, ob einer da ist, der Recht übt und auf Treue bedacht ist:

Dann will ich der Stadt verzeihen - Spruch des Herrn.

Doch selbst wenn sie sagen: 'So wahr der Herr lebt', schwören sie gewiss einen Meineid." (Jer 5,1-2)

 

Auf Jerusalems Straßen und Plätzen, also da, wo sich damals wie heute das ganze Leben abspielt, Geschäft und Handel, Arbeit und Freizeit, geschieht himmelschreiendes Unrecht. Die Mitmenschen werden nach Strich und Faden betrogen - und Gott wird auch noch als Zeuge dafür angerufen! Da ist das Gemeinschaftsverhältnis tief gestört.

 

Aber nicht nur den Bürgern Jerusalems, auch den Mächtigen hält Jeremia ihre soziale Vergesslichkeit wie in einem Spiegel vor: In Jer 22,13-19 findet sich z.B. ein Weheruf gegen König Jojakims Verschwendungssucht. Jeremia liest ihm kräftig die Leviten. Das Volk stöhnt ohnehin unter der Last der Abgaben an den Pharao (2 Kön 23,35), da fällt Jojakim nichts Besseres ein, als seinen Palast prunkvoll auszubauen und zu verschönern - und das auf Kosten der kleinen Leute, denen er sogar den ihnen zustehenden Lohn vorenthält.

Wieder erkenne ich überraschend deutliche Parallelen zu unserer Zeit mit ihrer Geld- und Wirtschaftspolitik!

 

Klar erkennbar sind für Jeremia Politik und Religion keine zwei getrennten Bereiche, wie es für seine Mitbürger zu sein scheint. Für sie ist das Leben Genuss und die Religion Pflicht; hat der Glaube nichts mit dem Alltag zu tun.

Anders Jeremia: Zentrum seiner ganzen Existenz ist seine persönliche Bindung an den Gott Israels. „Fürchte dich nicht vor den Menschen, denn ich bin bei dir und will dich erretten“, Spruch des Herrn.

Diese enge Verbindung trägt ihn und hilft ihm Stimme Gottes für sein Volk zu sein.

 

Ich denke es ist offensichtlich, dass Jeremia bei seinem Wirken zunehmend auf immer erbitterteren Widerstand der Mächtigen stößt.

Doch er ist nicht allein. Auch wenn er ganz persönlich den Auftrag bekommen hat und dafür alle Schmach und Enttäuschung aushält, hat er einen Partner, der bei ihm ist.

Baruch! Ein echter Freund, wie man ihn sich nur wünschen kann. Etwas jünger als er selbst und sein getreuer Gefährte. Einer der mit ihm durch dick und dünn geht.

Ja der einmal sogar anstelle des Propheten selber zum Propheten wird.

So schreibt Baruch eines Tages Worte des Propheten auf eine Buchrolle und liest diese im Auftrag Jeremias, der gerade Redeverbot im Tempel hat und untertauchen muss, dem ganzen Volk in der Tempelhalle vor (Jer 36,1-8).

 

Baruch wird daraufhin vor die führenden Beamten zitiert, die die Prophetenworte eigens noch mal hören wollen. Diese Lesung schreckt sie dermaßen auf, dass Baruch unter Zittern und voller Angst die Buchrolle schließlich noch einmal keinem Geringeren als König Jojakim vorlesen muss.

Und dann geschieht etwas Ungeheuerliches: König Jojakim schneidet bei der Verlesung der Buchrolle Stück für Stück von der Rolle ab und wirft die Stücke ins Kohlenbecken vor seinen Füßen, wo sie verbrennen.

Und dann steht die lapidare Bemerkung da: „Niemand erschrak, und niemand zerriss seine Kleider...''

Dabei war das ungeheuerlich: König Jojakim versucht, Gottes Wort unschädlich zu machen – doch er wird bald merken: ein völlig sinnloses Unterfangen. Arroganz der Macht, die diese mahnende prophetische Stimme nicht hören will.

Jeremia und Baruch aber müssen in Jerusalem vollends untertauchen, um dem Zorn des Königs zu entgehen.

In den nun folgenden von Untergangsstimmungen geprägten dunklen Monaten vor der endgültigen Zerstörung Jerusalems wird Jeremia offenbar mehrmals gefangengesetzt. Zuletzt Jeremia wird in eine Zisterne geworfen, in deren Schlamm er langsam versinkt. Ausgerechnet ein Ausländer, Ebed-Melech, ein äthiopischer Palastangestellter, rettet ihn unter dramatischen Umständen und mit persönlichem Risiko verbunden, während die Angehörigen des eigenen Volkes ihn ungerührt hätten umkommen lassen.

Und trotzdem entschließt sich Jeremia nach der Einnahme Jerusalems durch die Babylonier, bei seinem Volk zu bleiben. Er übt Solidarität mit denen, die ihm vorher ihre Solidarität verweigert hatten. Solche Solidarität kenne ich nur noch von einem anderen aus dem NT: von Jesus Christus, Gottes Sohn. Hier schimmert schon im Alten Testament der Geist von Karfreitag auf, in dem Gott unsere Schuld auf sich nehmen wird.

Was dort Gott in der Person seines Sohnes für uns alle auf sich nimmt, nimmt schon hier Jeremia als Stimme Gottes für sein Volk auf sich.

Der Prophet als Stimme Gottes bleibt bei seinem Volk.

Jeremia bleibt im zerstörten Land und erleidet schließlich mit vielen anderen eine gewaltsame Verschleppung nach Ägypten, wo sich seine Spur im Dunkel verliert und die tragische Geschichte Jeremias zu ihrem für uns bis heute unbekannten Ende kommt.

 

Liebe Gemeinde,

Wer war Jeremia? Gottes Stimme in schwerer Zeit.

Jeremia musste auf die verwirrenden Tatsachen der bewegten Zeitgeschichte eine Antwort Gottes geben.

Für Gott war er dafür nicht zu jung, sondern der richtige Mann am richtigen Platz.

Jeremias ausgeprägter Realismus macht ihn zum idealen Rufer in der Gefahr. Er sieht sehr früh, dass man sich besser mit den Babyloniern verbünden sollte statt unrealistischen Träumen nachzuhängen.

Er legt sich darum aus Glaubensüberzeugung mit den gegenwärtigen Machthabern in Jerusalem an und zieht sich ihre sein Leben andauernde Feindschaft zu.

 

So ist Jeremia ein Mann, der trotz massiver Widerstände immer wieder sagt, was nach seiner Überzeugung gesagt werden musste.

Er lässt sich nicht zum Schweigen bringen.

Aber zugleich ist dieser felsenstarke Prophet ein Mann, der unter seinem Auftrag unendlich leidet, oft in sich die Versuchung spürt, aufzugeben.

Trotzdem macht er dann doch in großer Treue weiter, jahrzehntelang. Er nimmt Einsamkeit und das Allein gelassen sein auf sich.

Es ist letztlich seine tiefe Verbundenheit mit Gott, oft und oft auf die Probe gestellt, die ihn zum Durchhalten befähigt hat.

Jeremia teilt das Schicksal der anderen großen Propheten, die weithin zu ihren Lebzeiten auf taube Ohren stießen und nicht gehört wurden.

Aber seine Stimme überzeugte vor allem durch seine existentielle Radikalität: Er steht dafür ein und lebt mit aller Konsequenz diese Botschaft – nicht als Held sondern mit Zittern und auch Klagen.

Dabei ist er nicht ganz allein. Die Bücher über den Propheten Jeremia wurden von seinem Freund Baruch aufgeschrieben, der ihn auf Schritt und Tritt begleitet hat. Ihm haben wir es zu verdanken, dass wir überhaupt diese vielen Worte Jeremias kennen. Denn erst viel später hat man den wahren Wert dieses Propheten erkannt und geehrt.

 

Jeremia war vielleicht ein zu junger Prophet, aber von Gott auserwählt bleibt er bis heute eine wichtige Stimme aus dem AT, die einen Gott zeigt, der für uns kämpft, der sich einmischt und der auch bei uns bleibt, wenn alles andere zusammen bricht.

An dem sollen wir festhalten, weil er an uns festhält – sichtbar und unsichtbar. Amen






 
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